Kastanienallee vor dem Mauerfall
Straßen-Fußball in der Torstraße
Stirner bettelt immer noch
um ein Bier im Gartenlokal und
der alte Franz Jung heckt was aus –
Keiner kommt hier zur Ruhe

Der Prenzlauer Berg ist wie eine Insel
vielleicht wie Mallorca
von Touristen überflutet
und wenn statt Schwaben
nun die Sachsen gekommen wären?

Den Ballermann rechts liegen lassend
suche ich nach weißen Flecken
die in keinem Reiseführer
als Geheimtipp gepriesen werden

Die Einheimischen
gespalten in Verweigerer
und Geschäftemacher
in Konsumenten
und Hunde mit Glatze

Ich mochte auf Anhieb
den Prenzlauer Berg nicht
zu stark waren die Erinnerungen
an die eigene Kindheit
in Kreuzberg
mit seinen geschwärzten Fassaden
und den alten Einschusslöchern
in den Häusern
und seinem Lumpenproletariat
wo der Alkohol wichtiger
als die Kinder waren
(obschon ich einer der ihren war)

Und später – noch vor dem Mauerfall
mit seinen westdeutschen Fahnenflüchtlingen
und Student*innen
die dem Mief ihrer Kleinstädte entflohen
um hier an der Freiheit zu riechen
und auch mal bei Rot über die Straße zu gehen
als Gefangene der Bewegung 13. August

Und als die Kreuzberger wegzogen
blieben die anderen
Und als die Prenzlauer Berg-Leute wegzogen
blieben die Schwaben (& die anderen Wessis)
aber – wie immer – nicht alle
Und die merkten nicht mal
dass der Prenzlauer Berg
jetzt Pankow heißt
und vom Windmühlenberg
haben sie noch nie was gehört
Der Geldsack hat doch den Ostler
nicht vertrieben, um in Pankow
zu wohnen!

Für die süddeutsche Provinz
ist Pankow ein Vorort
des Warschauer Pakts
Das klingt doch nach nichts
Der Sound ist immer noch falsch

Die Westler fielen in Ostberlin ein
(Den Wrestlern fiel nichts mehr ein)
wie die Goldgräber in Yukon
& Jack London zog weiter nach Mitte
wo die Winter nicht ganz so hart sein sollen
weil es näher am Westen liegt
ohne Sibirien aus den Augen zu verlieren

Seit Jahre schleppe ich die Worte
mit mir rum und werde sie nicht los:
Jetzt gibst Du mir ein Bier aus
sonst gibt es was auf die Hornbrille

Sprache braucht Asyl
als Bekämpfung des
zerfaserten Wortschatzes
linguistischer Faultiere
Man kann sich schon verlaufen
zwischen der Casting-Allee
und Bergkarabach
ohne auch nur sein Glück
aus den Augen zu verlieren
Die Bürgersteigkanten sind zu hoch
für flache Hierarchien

HiHo, Freunde
– säuselt Bommi Baumann –
nicht schießen!
ich bin doch nur
ein Tourist – und Knofo ist auch schon tot
genau das ist das Problem:
Nicht jeder Genosse ist ein Freund

Macht und Gewalt
gewaltig mächtig
Gewalt macht Gewalt
Macht macht gewaltig kaputt

Arbeitslos
Mittellos
Talentlos
ist ein Schicksal
aber nicht das schlimmste
Wir verzocken uns täglich
und morgen ist ein neuer Tag
auch, wenn er wie der gestrige war

Sprachlose Faulpelze:
Englisch habe ich nie richtig gelernt
außer was mir der Computer beibrachte
mit russisch kann man nichts mehr anfangen
lass uns portugiesisch lernen
warum?
Warum nicht
Zumindest ist das Wetter dort schöner
& Soljanka ist kein Mädchenname

Lass uns Freunde sein
– auf facebook
ich like Dich, Du likest mich
und wir scheißen uns gegenseitig
mit Smileys zu
Diese Ebene ist erträglich
Revolutionen werden heute
vom Sofa aus gemacht

Wir brauchen mehr Merchandising
Wir brauchen mehr Bits und Bytes
Wir brauchen mehr Speicherkapazität
Wer heute keine eigene Website hat
hat verloren
hat verloren

Lass mich Dein Schlafsack sein
bevor der Morgen kommt
Lass mich Dein Albtraum sein
bevor die Nacht zerrinnt
Die Wölfe werden die Schafe fressen – 100%ig

Der Platz der schönen Verlierer
war bereits vergeben
bevor die blöde Mauer zusammenbrach
Nuscheln ist keine Kunst
Sieh mich an, wenn Du mit mir redest
… sonst… sonst gibt es was auf die Hornbrille!

Kuttner rast auf seinem Fahrrad
die Kastanienallee runter
mitten in der Nacht
als die Autos schliefen
wie in der Kastanienalle
vor dem Mauerfall

Mach Dir doch selber einen Reim darauf
laufen, kaufen, saufen, raufen
Mach Dir doch selber einen Reim darauf
Abwärts, Scherz, Herz, Schmerz
Mach Dir doch selber einen Reim darauf
Kugel, Pudel, Rudel, Sprudel
Mach Dir doch selber einen Reim darauf
böse, Getöse und zu viel Alkohol
Mach Dir doch selber einen Reim darauf
Himmel, Schimmel und kein sauberes Laken
Lass den (Matthias Reim) frei
ganz Keim- und Schmerzfrei

Vegetarische Fleischeslust
Abstinente Trinker
Heilige Säufer
Interessante Rotweintrinkerinnen
& plötzlich
sind wir alle nicht mehr jung genug

Das erkennst Du daran,
dass Frauen um Widmungen bitten,
die jünger als Deine Tochter sind
& wenn sie SIE zu Dir sagen
kriegst Du einen zu viel
denn Du weißt, dass Du jetzt alt bist

Der (h)eilige BAADER
als Engel von der Nachtschicht
hört nicht zu
was Sancho Pansa ihm einflüstern will
niemand hat eine Chance gegen eine Straßenbahn

Die Drahtseilakte
waren zu tief gelegt
Die Fallhöhe war mitunter
nicht der Rede wert
aber Motorradfahrer
hätten leicht
ihren Kopf verlieren können

Die alten Geister
schleichen immer noch durch die Stadt
angetörnt von Wofasept
und angetrieben vom
Hubkolbenmotor

Ruhm – Momente einer Fragwürdigkeit
Ich will zurück ins Grenzgebiet
in die Zwischenzeit,
ins Niemandsland

Der Prinz von Theben
hat kein Zuhause mehr
und der Geruch der Stadt hat sich verändert
seitdem die Autos jetzt
aus Westdeutschland kommen
und die Zugezogenen nicht wissen
wie man einen Kachelofen bedient

Die gadebuscher Marie
verirrt sich
im dementen Nachthemd
in die Stargader Straße
Stirners Ehefrau wartet auf den Milchmann
– – – vergebens

Aber Früher war nichts besser
nur anders
Früher waren wir nur jünger
nicht klüger
Früher waren die Zigaretten würziger
nicht schädlicher
Früher gab es mehr Potenz
– das lassen wir mal so stehen!

Alles hat sich verschoben
Der Westen lag in der
Mitte des Ostens
Der Süden war zu weit
Der Norden zu nah
Die sibirischen Steppenvölker
standen vor Bad Godesberg
und handelten
Begrüßungsgeld aus

Die Spree ist betrübt
& ihre Leichen ziemlich alt
Jeder Morgen leuchtet hier
in einem Moorleichenweiß

Als Touristen verkleidet
belagern wir Eure Wohnstätten
und trinken Euer Bier weg
(im besten Fall alkoholfreies Weizen)

Und selbst heute noch
stehen Rest-Ruinen
wie kaputte Zähne
im teilsanierten Gebiss
neben dem russischen
Gold – wie hold

Cindy sucht Bert
der Comandante
(der kommende Dante)
folgt den Pappenheimern
auf dem Fuß
& Kai, der seine Kiste
verlassen hat
und schnurstracks
den nächsten Pohl anläuft fordert:
Ann, don´t pick`n Cotton
but Everybody knows
that the Captain lies

Rauchst Du noch?
Schitt & ko
jung und verbissen statt
jung und sorglos
und das Alter kommt von allein
verbissen oder sorglos

Die Mehrzahl von Groschen?
Die ganzen Florians und Günthers
Im Hintergrund:
Der griechische Chor
und die Sirenen im Watt
der Rumbalotte

Der Sklavenaufstand im Prater
ist längst Geschichte
Drecksäcke und Namen
die man auszusprechen
erst noch üben muss
(Olafur Eliasson & floppy myriapoda)
& alles geht Abwärts

John Lydon steht mit einer
Flasche Bier in der Hand
vor dem BAIZ
und erklärt Robert Zimmermann:
Es ist Zeit zu gehn
hier hält uns nichts mehr

Imaginäre Grenzen
umschließen die
Poetenrepublik als
literarisches Epizentrum

Schleichende Erinnerungen
Rotes Vermächtnis an die graue Zukunft
im blauen Dunst der Vergangenheit
Blau ist das neue Braun

Wer wusste schon vom
Horst-Wessel-Grab
bevor das Café Burger
zum Geheimtipp
unter Berlin-Touristen wurde?

Heute langweilen Soja-Milch
und Veggi-Burger
und bio-bio-bio sonstwas
Jeder und Jede
hat heute Allergie & Charisma
als wären zwei Krankheiten gleichzeitig
nicht schon Strafe genug

Solange noch eine Stampe existiert
sind wir vor den Latte Macchiato-Ganevs sicher

Die Zeiten sind geschliffen
und der Dirty old Man
muss jetzt früher ins Bett
Es ist schlichtweg zu kalt
für diese Jahreszeit

Schönsaufen & schlechtreden
Die Gedanken sind frei –
schön wär‘s
aber wer liest schon die AGB?
und schon: ausgetrickst und reingefallen

Der Blues schleicht
durch die Stadt
das Bier schmeckt.
Zu dicke Männer auf
zu kleinen Fahrrädern
am Rande eines Nervenzusammenbruchs

Ich habe gewusst,
dass mir das – irgendwann
alles um die Ohren fliegt

Dazwischen kommt immer die Werbung
der Vermögensberatung
Der Rest steht im Internet
ein Ort, der so unbewohnbar ist
wie der Mond
Weinbrand statt Waldbrand
Löschpapier und Durstlöscher
Weinkrampf statt Weinprobe
Rotkäppchen statt Underberg
und Tokajer statt Fiesling
gestorben und getrunken
wird immer / Rückwärts nimmer

Verlorene Seelen
allerorts
nur hier sind
sie schöner
mutiger
stärker
betrunkener
lässiger (niemals: „cooler“)
& ohne Hornbrille

Die Verzweiflung tropft uns von der Stirn schneller
als Bier nachgekippt werden kann
Kalter Schweiss ist kein neues Modegetränk
Der Kreislauf muss stimmen
Der Kreislauf darf nicht verstimmt werden

Aus den Latschen kippen wir freiwillig
Nur die Toten bleiben liegen.

 

Agitation free 8

© Jochen Knoblauch, Berlin
erschienen als „Agitation free“ Nr. 8 in Berlin 2018 in einer Auflage von 99 nummerierten und signierten Exemplaren. Kontakt: knobi@t-online.de

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